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Thoma Rother: grenzen los

Thomas Rother
grenzen los
Texte, Gedichte, Dokumente zur Lage von gestern, für heute und morgen
hsg. von Frank Münschke dwb
assoverlag Oberhausen, 2016
ISBN 978-3-938834-84-8
270 Seiten, zahlreiche Abb.
€ 14,90

dieser politische Titel beschreibt auch die Breite des künstlerischen Gehalts eines außergewöhnlichen Buches. Lyrische und epische Texte, fotografische sowie andere Dokumente, zeitgenössische Karikaturen und Bilder des Autors fügen sich „grenzenlos“ in einen ungemein spannenden Beitrag zu 30 Jahre Stilllegung Zollvereins, der größten Steinkohlenzeche Europas. Herausgeber Frank Münschke vom Deutschen Werkbund hat mit der Auswahl von Arbeiten des Essener Schriftstellers und bildenden Künstlers Thomas Rother eine brisante Mischung zusammengestellt. Jolanta Nölle vom Stiftungsvorstand Zollverein nennt sie „Zeugnis des Wandels“, das exemplarisch für das kreative Potenzial des UNESCO-Welterbes und der Region stehe. Schwerpunkt der gesellschaftspolitischen Kunst von Rother in Wort und Bild sind Fragen zu Unrecht, Krieg und Frieden, Migration, Arbeitslosigkeit, aber auch Liebe, Mut und Kinderlachen. „grenzen los“ ist eine spezielle Sicht auf deutsche Wirklichkeit und zugleich ein leidenschaftliches Bekenntnis zu Europa – oftmals schockierend, wie Theologin Uta Ranke-Heinemann in den Nachträgen dieses Buches schreibt.Vorwort-Schreiber Prof. Dr. Oliver Scheytt nennt Rother „Bewahrer und Gestalter, der andere in Bewegung zu bringen vermag“. Schon vor der Schließung von Zollverein am 3. Dezember 1986 hat Thomas Rother dort als erster künstlerisch gearbeitet, er ist sozusagen „mit stillgelegt“ worden.

Ein Liebeslied
„Thomas Rother, ein Essener Urgestein, Journalist, Schriftsteller, Bildhauer und politisch Agierende hat gegen Ende 2016 ein inhaltlich gewaltiges Buch vorgelegt.
Der Allround-Künstler gründete 1990 den berühmten Kunstkäfig bei der Unternehmensgruppe Sutter in Essen, der nach ihm etlichen Künstlern und Künstlerinnen offen stand. Seit Anfang der achtziger Jahre lebt und arbeitet er mit seiner Frau Christa zusammen auf dem Gelände des heutigen Welterbes Zeche Zollverein in Essen-Katernberg. Er entwickelte auf dem Gelände 1/2/8 den so genannten Kunstschacht, einen Begriff, den er aus dem Bergbau übernahm. Dort hießen Schächte so, in denen ein Kunstgestänge zur Hebung des Grubenwassers eingebaut war. Rother ist in einer großen Halle künstlerisch und als Sammler von historisch wertvollen Gegenständen tätig. Neben einer Reihe von Kunstkatalogen (z. B. Kohlenwäsche; Grenzrosen) veröffentlichte er in
den vergangenen Jahren etliche literarische Werke, u. a. Das plötzliche Verstummen des Wilhelm W.; Arschleder zwickt; Bombenstimmung; Alles paletti; Muttersuche; Untermenschen – Obermenschen; Die Krupps und die Thyssens.

Nun bringt er uns wichtige Dinge aus seinem Leben (aus unserem Leben) in Text und Bild näher, um uns die Arbeit des Nachdenkens über unsere Vergangenheit – und auch das Denken an die Zukunft – zu erleichtern. Vielleicht auch nur scheinbar zu erleichtern, denn überall zwischen den Zeilen werden wir aufgerufen, selber zu denken. Wie es schon der Mönch Petrus Abaelard im zwölften (!) Jahrhundert niedergeschrieben hat: Selbständig denken lernen bedeutet Aufklärung. Viel Geschichte taucht in Rothers Kompendium auf, viel Kritik, viele Warnungen, wie z. B. der Satz: Trau niemals einem, der die Wahrheit hat! Gedichte, kurze Sentenzen und Essays, Aphorismen und Lebensweisheiten wechseln sich ab mit Erzählungen über die Vergangenheit, insbesondere die des Ruhrgebietes. Aus der Vergangenheit lernen für die Zukunft, das scheint uns der Dichter zuzurufen, und wir sollten die Ohren weit aufsperren, denn es kommen gewaltige Probleme auf uns zu. Doch der Dichter ist nicht nur Warner. Er zeichnet mit Worten und Bildern gleichzeitig ein mächtiges Liebeslied auf das Ruhrgebiet, auf uns, auf die Kunst und das Leben. „Wo Liebe ist / da wird es rot / da steht das Leben erst im Lot auf Erden / Die Farbe ist ganz die Musik
für mich / der Liebe Rot ist Trumpf und macht den ersten Stich.“

Mit dem Projekt „grenzrosen“ (Rosen aus Stahl) in Polen im Osten, an der Neiße und in Bad Muskau, in Kehl und Straßburg und im Dreiländereck Deutschland, Belgien, Luxemburg forderte der Künstler Frieden und Liebe für Europa und machte gleichzeitig darauf aufmerksam, geographische und mentale Grenzen in Europa abzubauen. Macht die Grenzen los!“
ust.